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Wie ich auf Flores die Langeweile kennenlernte

Draußen fegt ein Sturm über die Felder. Ich lege das Buch beiseite und schaue aus dem Fenster. Kleine Kreise auf der Wasseroberfläche des Pools verraten mir, dass der Regen noch nicht aufgehört hat. Mücke, die kleine rote Katze der Vermieter unserer Ferienwohnung, springt aus dem Gebüsch, maunzt einmal klagend zu mir hoch und huscht über die Terrasse in Richtung Trockenheit.
Ich setze mich wieder in den Sessel neben dem Esstisch und sehe auf die Uhr meines Handys. Kurz vor fünf am Nachmittag. Ich rechne die verbleibende Zeit aus, die ich noch überbrücken muss, um nicht zu einer vollkommen absurden Zeit schlafen zu gehen. Fünf Stunden ohne WLAN, wandern, essen, denn satt bin ich schon mehr als mir lieb ist, und lesen, denn von meinem Buch sind nur noch drei kurze Kapitel übrig. Fünf. Lange. Stunden.
Und zum aller ersten mal während einer meiner Reisen, weiß ich absolut nichts mit mir anzufangen. Die Langeweile ist so gähnend, dass ich mir sogar meinen Schreibtisch mit der darauf wartenden Arbeit herbei sehne.

Es ist der letzte volle Tag, den Sandra und ich auf der kleinen Insel im Atlantik verbringen, bevor es Richtung Heimat, mit Zwischenstopp auf São Miguel und in Lissabon, geht. Am Vormittag, noch vor der sich einschleichenden Langeweile, gehen wir den abwärts führenden Pfad zu einem Steinstrand. Vorbei an Kühen und einem Arbeiter, der sein kleines Steinhaus auf Vordermann bringt. Von den Bäumen pflücken wir Araçás. Die kleinen, roten Früchte sind die Erdbeeren der Azoren und schmecken süß-säuerlich. Joachim, der seit zweieinhalb Jahren auf Flores lebt, macht daraus mit Vorliebe Eis. „Einfach noch ein paar reife Bananen in die Maschine. Fertig.“ Auch die wachsen bei dem feucht-warmen Klima ausgezeichnet auf der kleinen Insel.

Nach unserer zweiten Wanderung zum Hafen von Lomba machen wir auf dem Rückweg halt bei der pastelaria. Drei frische Kuchen stehen dort in der Vitrine. Die freundliche Azoreanerin packt uns zwei große Stücke in eine Schachtel und kurz bevor die ersten Regentropfen vom Himmel fallen, sitzen wir bei einer Tasse Kaffee in unserer Ferienwohnung und lassen es uns die großen Stücke schmecken.

Eine Stunde später wandle ich rastlos durch die Wohnung. Ich öffne mit fragendem Blick den Kühlschrank, schließe die Tür, ohne eine Antwort erhalten zu haben. Hier ist sie also, die Langeweile. Zehn Buchstaben, die in meinem Leben sonst ein Fremdwort bilden. Und hier am westlichsten Punkt Europas treffe ich sie mit Argwohn und Skepsis. Und dann greife ich zu meinem Handy und tippe diese Zeilen.

17 Kilometer lang und 12,5 Kilometer breit und mit 143 Quadratkilometern hat Flores etwa die Größe von Mannheim. Der Flughafen in Santa Cruz, der „Hauptstadt“ der Insel, erinnert mit seinen dunkelblauen Fliesen von außen mehr an ein Schwimmbad, als an einen Ort, wo keine bis immerhin vier Flugzeuge am Tag starten. Drei Tankstellen kommen auf die 3500 Einwohner. Einige davon haben das westlichste Stück Europas nie verlassen. Bei der Anzahl an Menschen, auf diesem kleinen Fleckchen Erde, gestaltet sich die Partnerwahl recht übersichtlich.

Trotz der kleinen Größe bietet Flores ganz viel Natur, die auf zahlreichen Wegen vorbei an tosenden Wasserfällen und tiefen Kraterseen, darauf wartet erwandert zu werden.
Die Ruhe und Abgeschiedenheit auf der Insel tut gut, aber nach vier Tagen freue ich mich zurück im vergleichsweise turbulenten Ponta Delgada zu sein. Mit den kleinen Gassen, den hübschen Cafés und vielseitigen Restaurants. Und dann natürlich auf Lissabon, einer Stadt, die mir wohl auch nach vielen Jahren, keinen Grund zur Langeweile geben würde.

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4 Kommentare

  1. Rosi wolff sagt

    Na, ich weiss nicht. Ein wirklicher Reisebericht mutet schon etwas anders. Mühe sollte man sich ein wenig geben. Schade.

    • Sarah

      Mit diesem Blog genieße ich den Luxus, so über meine Reisen zu berichten, wie ich sie erlebt habe. Und das ist auch gut so.

  2. Joachim Holl sagt

    Wunderschöne und authentische Fotos und sehr interessanter Text !
    Es war mir eine große Freude Dir und Deiner lieben Freundin mein neues Zuhause ein Stück weit näher zu bringen und auch ein wenig hinter die Kulissen zu schauen.
    Ich hoffe sehr, Du hast so schnell keine Langeweile mehr. 😉

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