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The Dark Day

Schottland

Eigentlich hätten uns die tief hängenden Wolken eine Warnung sein müssen. Vielleicht lag es an unserer wenig ausgeprägten Erfahrung als Wanderer. Vielleicht lockte uns der Gedanke nach vier Tagen endlich wieder warm zu duschen und in einem richtigen Bett zu schlafen. Frithjof und ich jedenfalls, ignorierten die düstere Wolkendecke und marschierten weiter Richtung Inchnadamph, wo das erste Hostel während unseres Wild Camping Trips in den schottischen Highlands auf uns warteten sollte.

Die ersten Kilometer kamen wir ausgesprochen zügig voran. Schon am Vormittag hatten wir Loch Ailsh erreicht – hier wollten wir notfalls nochmal das Zelt aufschlagen, falls sich die ersten Kilometer als zu schwierig gestalten sollten. Doch wir lagen super in der Zeit – gegen Nachmittag wären wir sicher im Hostel. Wir liefen weiter entlang des Flusses. Sobald wir die Höhenmeter zwischen den Bergen Conival und Ben Mor bewältigt hätten, wären wir schon so gut wie am Ziel, unserer Tagesetappe.

Etwa zwei Kilometer hinter Loch Ailsh endete der markierte Pfad. Der Wind blies immer kräftiger. Nieselregen setzte ein. Das erste Mal kam ich an meine körperlichen Grenzen. Die Höhenmeter machten mir in Verbindung mit der Witterung zu schaffen. Der Regen peitschte uns nun vertikal ins Gesicht. Der Wind plusterte unsere Regenhosen auf und trug uns davon. Doch an Umkehren war nicht zu denken. Die Nacht im Warmen zu verbringen, motivierte uns ungemein. Uns so stiegen wir den Berg Conival hinauf.

Als wir die Kuppe erreichten, schlug das Wetter schlagartig um. Der Regen hatte sich in einen Schneesturm verwandelt. Binnen Minuten steckten wir knietief im Weiß. Orkanböen ließen  keinen sicheren Schritt zu und wehten Frithjof um ein Haar den Abhang hinunter.
Hilflos schauten wir immer wieder auf unseren Kompass und unsere inzwischen durchweichte Karte. In welcher Richtung lag Inchnadamph? Der Schnee versperrte uns die Sicht, wir hatten jegliche Orientierung verloren. Es gab keinen Ausweg mehr. Die Temperatur sank rapide. Wir waren am Ende; die Verzweiflung so groß, dass wir zu unseren Handys griffen, um den Bergrettungsdienst anzurufen. Sie sollten uns mit einem Hubschrauber vom Berg holen.Doch das Signal war tot. Kein Empfang. Zum ersten Mal wurde uns schmerzlich bewusst, dass wir verdammt nochmal ganz allein in der Wildnis waren. Viele Kilometer entfernt von der nächsten Siedlung und der rettenden Hilfe. Im nächsten Augenblick lagen wir uns heulenden in den Armen, Frithjof und ich, da oben auf Conival und flehten uns gegenseitig an nicht aufzugeben.

Nein! Wir würden nicht hier oben erfrieren! Etwas Mut gepackt beschlossen wir den Berg hinab zusteigen und umzukehren. Das würde nochmal mindestens vier Stunden Fußmarsch und bösartigen Gegenwind bedeuten – aber uns blieb keine andere Wahl.
Als wir den Abstieg gemeistert hatten, sahen wir über die nächste Kuppe, wir trauten unseren Augen kaum, zwei uns entgegen kommende Wanderer, samt kleinem Hund. Unsere Rettung! Frihjof umarmte die beiden Briten zur Begrüßung. Mir fiel ein gewaltiger Stein vom Herzen. Zu unserer Freude wollten die Männer in die selbe Richtung wie wir. Ihr Ziel war ein Bothy nahe dem Hostel in Inchnadamph. Und so folgten wir den erfahrenen Wanderern.
Doch wenn wir geglaubt hatten, damit wäre der restliche Weg nur noch ein Kinderspiel so hatten wir uns bitter getäuscht. Wir liefen kilometerweite, unbepfadete Wege, sanken knietief in den Matsch, vielen unzählige Male und konnten uns nur mit aller größter Kraft wieder auf die Beine helfen, indem wir uns an Grasnarben wieder hochzogen. An schmalen Felsvorsprüngen hangelten wir uns entlang – nur ein falscher Schritt und wir würden Meter tief in den Abhang fallen.
Frithjof stürzte beim Passieren eines Flusses mit der linken Seite seines Oberkörpers ins eiskalte Wasser. Sein Arm war taub. Umso wichtiger für ihn gerade jetzt in Bewegung zu bleiben. Doch ausgerechnet in diesem Moment blieb ich mit meinem Wanderstiefel zwischen zwei Felsen stecken und versperrte ihm den Weg. Er musste hinter mir verharren, bis ich mich endlich befreien konnte. Zunächst zog ich nur meinen Fuß aus dem Schuh, dann befreite ich auch meinen Stiefel, musste jedoch meine Schnürsenkel neu binden. Unmöglich! Sowohl meine Schnürsenkel, als auch meine Hände waren eingefroren – meine Handschuhe hatte ich schon vor einigen Kilometern im Schnee verloren. Stundenlang lief ich so weiter, mit locker gebunden Schuhen, was mir üble Blutergüsse einbrachte.
Nachdem wir unsere zwei Schutzengel am Bothy verabschiedeten, gingen wir die letzten Kilometer allein weiter, bis wir schließlich unendlich erschöpft Inchnademph erreichten.

Mit diesem Text möchte ich keine Angst schüren und niemandem die Lust am Wandern nehmen. Aber man sollte die Gefahren nicht unterschätzen und gut vorbereitet sein. Ich, als grenzenlose Optimistin, kann mittlerweile auch diesem – mit Abstand dramatischstem Tag meines Lebens – etwas Positives abgewinnen. Dem Tod ins Auge gesehen zu haben, hat mich verändert. Seit diesem Tag ist mir mein Leben nochmals unschätzbar mehr Wert und ich bin mir heute ganz genau bewusst, zu was mein Körper und auch meine Psyche fähig sein können, wenn es sein MUSS. Über Stunden kaum Wasser und Nahrung zu mir genommen, müsste ich eigentlich schon lange schlapp gemacht haben. Doch mein Körper und mein eiserner Wille, der mir immer wieder eintrichterte: „Du wirst nicht hier in Schottland sterben!“, führte mich die unmöglichsten Wege und ließ mich sicher ankommen.

Immer mal wieder kommen die Erinnerungen an diesen einen Tag im Mai in mir hoch und je öfter ich davon erzähle, desto surrealer erscheint mir das Erlebte. Aber heute bin ich einfach nur glücklich, dass Frithjof und ich wohlbehalten, lediglich mit kleineren Blessuren aus Schottland zurückgekehrt sind; dass seine Fingerkuppen ein paar Tage später wieder auftauten und ich nur einen meiner Fußnägel verlor, der mittlerweile aber schon fast wie neu aussieht. Auch die Narben an meinen Handballen sind noch immer sichtbar. Vollkommen egal! Wir sind am leben!

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