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Sumak kawsay: Das gute Leben

Isla de la Plata

Wenn ich an meine Reise nach Puerto Lopez und auf die Isla de la Plata zurückblicke, denke ich zuallererst an Erick und an Allison. Kim und ich sind gerade auf dem Weg von den Anden an die Küste Ecuadors, wo wir einen Tag auf der sogenannten „Poor Man’s Galapagos“, der Isla de la Plata, verbringen wollen, bevor es zurück nach Quito geht.

Um nach Puerto Lopez zu gelangen, wo das Boot zur Isla de la Plata ablegt, wartet eine knapp 11-stündige Busfahrt mit mehreren Umstiegen auf uns. Keine leichte Aufgabe für zwei Reisende, die kaum ein Wort Spanisch sprechen. Mit einem netten Pick-up-Fahrer kommen wir schließlich in Quevedo, einer Stadt 250 Kilometer von Quito entfernt, an. Hier soll es nun weiter nach Puerto Viejo gehen, wo wir dann unsere letzte Etappe nach Puerto Lopez antreten. Und wir haben Glück: In nur 10 Minuten fährt der Bus in Richtung Küste ab. Auf der Suche nach der Haltestelle hüpft ein kleiner Junge um uns herum. Er hat uns bereits am Schalter beobachtet und läuft nun, mit ausgestrecktem Zeigefinger, neben uns her. Die Skeptikerin in mir denkt sofort, er möchte ein paar Cent als Belohnung für seine Hilfe, den planlosen Touristen den Weg zu weisen. Noch heute ärgere ich mich über dieses Misstrauen. Denn Erick, der kleine Junge mit den strahlenden, haselnussbraunen Augen, ist wie die meisten Menschen in Ecuador, einfach nur neugierig auf die Menschen, die von so weit in sein Land gereist sind.

Als wir bei dem Bus nach Puerto Viejo ankommen, bedanke ich mich bei dem jungen Ecuadorianer und will mich verabschieden, doch er steigt zusammen mit einem Mädchen lachend ebenfalls in den Bus, wo die zwei in der Reihe vor uns Platz nehmen. Sie klettern mit den Knien auf die Sitze und schauen uns über ihre Rückenlehnen erwartungsvoll an. Schließlich zaubern sie zwei Lollis hervor und schenken sie uns. „Den Lolli haben sie wahrscheinlich eben erst von ihrer Mama geschenkt bekommen und jetzt geben sie ihn mir“, danke ich, gerührt von so viel kindlicher Großzügigkeit.
Die Busfahrt nach Puerto Viejo vergeht wie im Flug, denn Erick und Allison geben uns, neben viel Herumalbern, einen kleinen Spanisch-Crashkurs. Nach den Lollis werden wir mit Mangos beschenkt. Mit viel Mühe und Not verstehen wir schließlich, dass diese frisch aus ihrem Garten gepflückt sind.

Es ist bereits dunkel , als wir in Puerto Viejo ankommen. Erick, Allison und ihre Mutter Angelica begleiten uns zum Schalter, wo wir die Tickets nach Puerto Lopez kaufen können. Doch wir haben den letzten Bus verpasst. An diesem Abend gibt es keine Möglichkeit an die Küste zu fahren. Was nun? Der nächste Bus fährt erst um zwei Uhr morgens. Bereits um neun legt das Boot zur Isla del Plata ab. Reichlich knapp und Kräfte strapazierend nach solch einer langen Fahrt durch Ecuador, aber wir könnten es noch schaffen. Doch das Bus-Terminal schaut nicht gerade vertrauenerweckend aus, um dort die nächsten Stunden, bis zur Abfahrt, totzuschlagen.
Das sieht auch Angelica so – und so packt sie, neben ihrer Familie, auch noch Kim und mich in das überfüllte Taxi und nimmt uns erst mal mit zu sich nach Hause, wo wir in Ruhe Pläne schmieden können.

Ihr Heim ist für europäische Verhältnisse einfach und bescheiden, hat aber alles was es für ein sumak kawsay (der Begriff gehört zur Weltanschauung der indigenen Völker im Andenraum und bedeutet „gutes Leben“) braucht. Wir verständigen uns vor allem mit Händen und Füßen, da keiner in der Familie Englisch spricht und unser spanisch kaum über ein „Hola“ oder „Qué tal“ hinausgeht. Aber wir verstehen uns dennoch. Angelica gibt uns zu verstehen am Tisch Platz zu nehmen und verteilt Reis mit Hühnchen. Für mich, als Vegetariern gibt es Reis mit Bratensoße. Das Fleisch lasse ich auf Kims Teller wandern.
Später ruft Angelica ein Taxi und wieder sitzen wir umringt von der Familie und unendlich viel Gastfreundschaft in dem Wagen auf dem Weg zum Busbahnhof. Mein Herz wird ein wenig schwer, als ich mich von der Familie, mit der ich nur wenige Stunden verbracht , aber dennoch lieb gewonnen habe, verabschiede.

Nach langer Fahrt kommen wir um fünf Uhr morgens in Puerto Lopez an. In den Hängematten des Vorgartens machen wir ein Nickerchen und warten wir bis die Rezeption öffnet. Währenddessen kuschelt sich die kleine getigerte Katze, die in der Hosteria Cabanas Itapoa wohnt, zu mir. Am nächsten Tag besichtigen wir die Isla de la Plata mit den für die Insel bekannten Boobies. Doch nicht die lustigen Blaufußtölpel oder die malerische Küste verbinde ich mit diesem Abschnitt meiner Lateinamerikareise. Es sind zuallererst Allison und Erick, die einen festen Platz in meinen Erinnerungen eingenommen haben.

Der Lolli, den ich von Erick geschenkt bekommen habe, ist weder weggenascht noch ausgepackt. Er hat seinen Platz auf meinem Schreibtisch. Der Stil ist verbogen, Sandkörner hängen zwischen den Falten des Papiers. Spuren einer weiten Reise. Aber ich mag das Gefühl, das in mir aufkommt, wenn ich zu Hause in der Mainzer Neustadt sitze und ihn betrachte. Ein Empfinden von Wärme, Geborgenheit und Zusammengehörigkeit überkommt mich dann. Und ganz tief in mir habe ich das Gefühl, dass ich die beiden, Erick und Allison, eines Tages wieder treffen werde.

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2 Kommentare

  1. Ein wunderschöner Bericht,den ich mit großer Freude gelesen habe-toll und ich wäre gespannt ob du beide wiedersiehst!Unvorstellbar ist das ja nicht.Um so interessanter es dann hier lesen zu dürfen.Ganz besonders gefällt mir das Photo der Restobar!Liebe Grüße,Andy

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