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São Miguel: Die Insel der Zufriedenen – Teil 2

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Die weiße Kerze ist fast nieder gebrannt und flackert mit letzter Kraft im Dunklen des Gewölbekellers. Im Brotkorb liegt eine unangetastete Scheibe Baguette. Eine kleine, traurige Pfütze Rotwein steht in dem geschwungenen Glas. In sanften Tönen erklingt eine Gitarre. Eine Fado-Sängerin stimmt ein Lied an, voller Schwermut und Verletzlichkeit in ihrer Stimme. Sie singt von einer Zigeunerin, die davon lief, um ihren eigenen Weg zu gehen. In der Melancholie der Melodie schwingt gleichzeitig etwas Tröstendes mit.

Es ist Sandras und mein achter Abend während unserer Azoren Reise. Wir verbringen ihn in dem Restaurant Casa do Bacalhau in Ponta Delgada, wo es neben Kabeljau am Wochenende Fado Live-Musik gibt. Dieses einmalige Event gönnen wir uns nach einem Wandertag um den Lagoa Verde. Der „grüne See“ befindet sich im Westen der Insel und ist, neben dem Lagoa Azul, einer der Teilseen des Lagoa das Sete Cidades.
Gleich beim Start unserer Wandertour trafen wir auf Petra, Moni und Guido, samt den beiden Hunden Lui und Knut und schlossen uns dem Gespann aus Deutschland an. Petra ist mittlerweile auf die Azoren ausgewandert und führt ein Bed & Breakfast. Auf den Hund kam sie, als Knut eines Morgens vor ihrer Terrassentür saß. Alles deutete darauf hin, dass er ausgesetzt wurde und so nahm Petra ihn bei sich auf.
Welpe Lui ist aus einer Rettungsstation auf São Miguel und wird sein neues zu Hause bald bei Petras Sohn in Deutschland finden. Die Station, die sich Hunden in Not verschrieben hat, wurde von einer Deutschen ins Leben gerufen, die ebenfalls auf der Azoreninsel lebt. „Wenn man sich Rettungsstationen im Ausland anschaut, sind es oft deutsche Frauen, die sie eröffnet haben“, erzählte Petra amüsiert. Als ich höre, dass noch ein Welpe aus Luis Wurf darauf wartet vermittelt zu werden, gerate ich ernsthaft in Versuchung und überlege, ob und wie mein Leben als Reisebloggerin mit Hund funktionieren könnte.
Während der Wanderung stärkten wir uns im erst kürzlich eröffneten Teehaus O Poejo. Auf der großen Terrasse saßen wir eine Weile bei grünem Tee, der sogar auf São Miguel angebaut wird, und leckeren Apfelrosen.

Man mag kaum glauben, was sich hinter der großen blauen Tür verbirgt, wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Ein langer Fußweg führt uns mitten durch eine Bananenplantage zu einem Cottage der Casa Vitoriana – und das mitten im Zentrum Ponta Delgadas.
Ein erster Laut der Entzückung meinerseits ertönt, als ich die ersten zwei Katzen auf einer Bank im Innenhof liegen sehe. Auf dem Weg, vorbei an den Beeten, treffen wir auf Katze Nummer 3 und 4. Neben der Fußmatte unserer Unterkunft sitzt Nummer 5. Das kleine Katzenparadies genügt schon, um mich an diesem Ort wohl zu fühlen, die liebevolle Einrichtung des Cottages setzt noch ein i-Tüpfelchen oben drauf.

Am nächsten Morgen treffen wir auf unsere Gastgeberin Maria. Eine richtige Powerfrau. Neben der Casa Vitoriana leitet sie in der gleichen Straße ein Hostel. Zudem plant sie für Anfang nächsten Jahres ein Café zu eröffnen.

Am Nachmittag schlendern wir durch Ponta Delgada, kaufen Souvenirs in unserem Lieblingscafé Louvre Michaelense. Am Hafen von Ponta Delgada legen wir in einer Bar eine Pause ein und genießen unser azoreanisches Lieblingsgetränk Kima, Maracujalimonade die hier auf der Insel produziert wird. Neben Maracujas wachsen auf São Miguel übrigens auch die einzigen Ananas Europas.

Im Hafen ist heute ein riesiges Kreuzfahrtschiff eingelaufen. Die vielen Decks übereinander müssen hunderte Kabinen beherbergen. Die Masse an Menschen wirkt wie eine Invasion hier auf die kleine Insel im Atlantik.
Erst neulich habe ich gelesen, wie viel Klimasünde tatsächlich hinter einem Urlaub mit dem Kreuzfahrtschiff steckt und, dass, ökonomisch betrachtet, nicht die bereisten Länder, in denen die Schiffe anlegen, die Profiteure sind, sondern lediglich die Veranstalter und die Werften. Selbst das Essen für das Buffet an Bord wird meist aus Deutschland in die jeweilige Urlaubsregion geflogen.

Wenn es heiße Quellen wie die Caldeira Velha in Deutschland gäbe, ich würde wohl, besonders in der kalten Jahreszeit, so gut wie jeden Abend darin sitzen. Das Naturschwimmbecken im Dschungel hat seine warme Temperatur durch einen Wasserfall am nördlichen Abhang des Vulkans Vulcão do Fogo.
Sandra und ich konnten uns während unsere Reise auf São Miguel nichts angenehmeres vorstellen, als nach den Wanderungen in die Badeoasen auf der Insel zu hüpfen. Fast zwei Stunden saßen wir in dem eisenhaltigen Wasser, genossen die wohltuende Wärme und sahen zu, wie unsere Finger immer schrumpeliger wurden.

Zum Abschied unserer Zeit auf São Miguel, fahren Sandra und ich noch einmal an den Lagoa do Fogo. Bereits beim ersten Besuch des Kratersees, hatte er uns verzaubert, obwohl wir durch die tiefen Wolken den See nur erahnen konnten.
Diesmal haben wir mehr Glück und obwohl sich der Tag dem Ende hin neigt, scheint die Abendsonne noch vom Himmel und taucht die Landschaft in ihr warmes Licht. Diesmal wagen wir den Abstieg bis hinunter an den See. Hier lassen wir uns eine Weile am Wasser nieder, essen Kekse und genießen die Ruhe, bis alle Wanderer bereits wieder den Weg aufgestiegen sind. Nun sind wir die letzten, die sich an der Natur für diesen Tag erfreuen.
Wir blicken nochmal zurück auf unsere Zeit auf den Azoren, denken an die vielen Begegnungen mit wunderbaren Menschen und die Gastfreundschaft, die wir hier erfahren haben, an die bezaubernden Unterkünfte, die wir bewohnen durften, an den spektakulären Sonnenuntergang als wir in der Tuká Tulá Bar in Ribeira Grande zu Abend aßen, an die Begegnung mit einem Wal vor der Küste und natürlich an die unvergleichliche Schönheit der Natur.
Ja, São Miguel bietet viele Gründe zu kommen – und nur wenige zu gehen.

 

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Die Nächte im Cottage der Casa Vitoriana wurden uns kostenlos zur Verfügung gestellt. Die geschilderten Erlebnisse und Erfahrungen bleiben davon unberührt. Vielen Dank an Maria für den wundervollen Aufenthalt!

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