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Sao Miguel: Die Insel der Zufriedenen – Teil 1

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Ich sitze eingepfercht in einem Ryanair Flieger, bis auf zwei Plätze ausgebucht. Es ist kurz vor zehn Uhr am Abend. Aus meinen Kopfhörern dringt Atlas Bound in voller Lautstärke. Ein kläglicher Versuch die Turbinen und die penetranten Lautsprecherdurchsagen, die für unnötige Dinge werben, zu übertönen. Neben mir ein deutsches Pärchen, das mittlerweile in Portugal zu Hause ist, über mir grelles Neonlicht, unter mir der tiefschwarze Atlantik. Ich bin auf dem Weg nach São Miguel der größten Insel der Azoren.

Nach einer kurzen, letzten Nacht in Deutschland, hatte ich gehofft, während des Fluges ein wenig Schlaf nachzuholen. Doch in meine Gedanken mischen sich Erinnerungen an gestern und Phantasien von morgen. Gleichzeitig bin ich voller Neugierde auf das was mich erwartet auf São Miguel.
Was es zu sehen gibt, wie die Luft riecht, das Essen schmeckt, wie die Landschaft aussieht und die Menschen leben, auf dieser westlichsten Inselgruppe Europas. Ich bin gespannt, mit welchen Bildern und Geschichten im Gepäck, ich schließlich in zwei Wochen wieder in Deutschland landen werde. Und während die Jungs von Atlas Bound von ihrer Landung auf dem Mars singen, gehen wir in Sinkflug auf Ponta Delgada.

Kurz vor Mitternacht setzt der Taxifahrer Sandra und mich vor unserer Unterkunft ab. Margarida begrüßt uns herzlich und zeigt uns das Zimmer für die nächsten zwei Nächte. Aus Mosambik stammend, ist sie durch ihren Ehemann auf den Azoren gelandet – und hat es nie bereut.
Während unserer Reise werden wir noch Begegnungen mit einigen Menschen machen, die nach einem Besuch auf den Azoren geblieben sind. Genauso wie gebürtige Azoreaner, die es für eine Weile nach Lissabon oder in eine andere Stadt auf dem Festland getrieben hat, die jedoch nach längerer oder kürzerer Zeit zurückgekehrt sind. In ihr kleines Paradies am Rande Europas. Wo das Haus vielleicht ein wenig einfacher ist und die Möglichkeiten begrenzt sind. Der Wert des Lebens aber umso klarer zu sein scheint.

Hahnenkrähen reist mich aus meinem Schlaf. Ich klettere aus dem Bett, trete hinaus auf die Terrasse und bekomme das erste Mal einen Eindruck, wie meine Umgebung aussieht, jetzt wo der Tag angebrochen ist. Die Luft ist frisch und die Umgebung saftig grün – und dann fällt mein Blick auf das Meer.

Sobald wir aus der Zimmertür treten, verfliegt auch die Müdigkeit als wir im Flur auf unseren Airbnb-Host Margarida treffen. Eigentlich wollen wir uns gerade auf den Weg ins Stadtzentrum von Ponta Delgada machen, um uns auf die Suche nach etwas Essbarem zu begeben. Doch Margarida hat andere Pläne und führt uns ins Esszimmer wo bereits ein typisch azorisches Frühstück mit lokalen Früchten und leckeren bolos lêvedos, das sind regionale, süße Brötchen, denen wir schnell verfallen sind, auf uns wartet. Der perfekte Start unserer Azoren-Reise.

Den ersten Tag verbringen wir damit unseren Mietwagen abzuholen, einkaufen zu gehen und die Umgebung zu erkunden. Ganz oldschool mit Karte lotse ich Sandra durch die Straßen, denn für unser Navigationssystem, das wir aus Deutschland mitgebracht haben, gehören die Azoren wohl nicht mehr zu Europa. Dafür kennen wir die Insel nach einer Woche wie unsere sprichwörtliche Westentasche – und auch irgendwie beruhigend zu wissen, dass man eben doch auch ohne Navi von A nach B kommt.

Am Nachmittag wollen wir uns einen der Kraterseen der Insel vornehmen. „Definitely Lagoa do Fogo!“ Ist Margaridas Antowort auf meine Frage, welcher ihr liebster See auf São Miguel ist. Und als ich wenig später am Rand des Kraters stehe, kann ich sie verstehen. Der See ist durch die tief hängenden Wolken zwar nur zu erahnen, trotzdem, oder gerade wegen der mystischen Stimmung, bin ich verzaubert von dem „Feuersee“.

Am nächsten Morgen ziehen wir aus unserem Zimmer bei Margarida aus und übernachten im Hotel Solar de Lalém, einem geschichtsträchtigen Haus, das im Jahr 1506 erbaut wurde. Seit über 20 Jahren leben Gabriele und Gerd Hochleitner nun auf São Miguel und haben den einstigen Adelssitz liebevoll restauriert und dabei besonderen Wert darauf gelegt, den ursprünglichen Charakter beizubehalten. In der alten Küche wird zwar heute nicht mehr gekocht, trotzdem wertet die Feuerstelle und die massiven Töpfe das Speisezimmer auf und die Gästezimmer sind geschmackvoll mit antiken Möbeln eingerichtet.
In der kleinen Kapelle aus dem Jahr 1687, die gleich neben den Gästezimmern liegt, kann sogar geheiratet werden. „Die Tür steht immer offen“, erzählt Gerd Hochleitner. Auch die Menschen aus dem Ort kommen gerne mal für einen ruhigen Moment und nehmen auf einem der Bänke Platz. Nachhaltigkeit und sanfter Tourismus werden bei Familie Hochleitner groß geschrieben.

Auf unserem Weg nach Furnas zum Terra-Nostra-Park fällt mir das erste Mal auf, wie unglaublich vielfältig São Miguel ist. Eben noch an der Nordküste, kommen nur wenige Kilometer im Inselinneren Dschungelerinnerungen an Costa Rica in mir hoch.
Laut Condé-Nast-Verlag zählt der Terra-Nostra-Park zu einem der schönsten der Welt. Mit seiner bunten Pflanzenmischung ist die 12,5 Hektar große Parkanlage einzigartig und lässt mit seinem teilweise über 100 Jahre altem Baumbestand, den Teichen und verschlungenen Wegen so manchen botanischen Garten erblassen.
Highlight des Parks ist das Thermalbecken mit seinem natürlich braunem Wasser. Das Baden in dem 38 Grad warmen Nass ist das pure Vergnügen und gehört bei einer Reise auf die Azoren unbedingt dazu. Allerdings färbt das Wasser ab und ihr solltet euch für einen Besuch im Terra-Nostra-Park mit Badesachen und Handtüchern in dunklen Farben wappnen.

Und wieder heißt es Koffer packen, um von dem verschlafenen Dorf Maia ins 13 Kilometer entfernet Ribera Grande zu fahren. Die ständigen Unterkunftswechsel erscheinen mir mittlerweile wie eine Art Speeddating und machen einen Teil dieser Reise aus. Mir macht es Spaß dadurch immer wieder andere Ecken der Insel kennenzulernen.
Heute geht es also in die Quinta das Rosas und als Eduardo Sandra und mir unser zu Hause für die nächsten zwei Nächte zeigt, bin ich ein wenig sprachlos. Von dem kleinen Garten mit den Orangenbäumen und der Hängematte, von dem Willkommenskörbchen in dem stilvoll gestalteten Bungalow und von dem Pool mit sagenhafter Aussicht. Genau dort lassen Sandra und ich den Abend ausklingen und genießen die letzten Sonnenstrahlen des Tages.

Am nächsten Morgen schmeißt uns der Wecker aus dem Bett. Mit Ausschlafen ist nicht wirklich während unserer Azoren-Reise. Denn heute steht etwas ganz besonderes auf dem Programm. Eine Whale-Watching-Tour. Dafür fahren wir nach einem schnellen Frühstück in den Hafen von Ponta Delgada und bekommen dort erst mal von einer Biologin erzählt, welche Tierarten im Meer vor der Insel zu finden sind. Interessant finde ich dabei, dass beim Wale beobachten für das Orten der Tiere die gleiche Technik angewandt wird, wie zum Walfang, der glücklicherweise seit dem Jahr 1984 auf den Azoren verboten ist.
Und dann geht es zusammen mit Antonio hinaus aufs Meer. Mit dem Wind im Haar und der frischen Brise um die Nase, fühle ich mich in meinem Element und freue mich, als der kräftige Seegang das Boot noch ein wenig mehr durchruckelt.

Einige hundert Meter vor uns erblickt Antonio einen Schwarm Möwen, die tief über dem Wasser kreisen. Er lenkt das Boot in deren Richtung und schon aus der Ferne sehen wir sie. Delfine. Und wie viele das sind. Hier fünf und dort nochmal drei. Und auch ganz weit in Richtung des Horizonts. Beinahe synchron springen sie durch die Luft, ganz nah am Boot, begleiten uns einige Meter während unserer Fahrt. Ich versuche sie mit der Kamera zu erwischen. Merke aber schnell, dass das bei der Schnelligkeit der Tiere kaum möglich ist. Also packe ich die Kamera wieder weg und erfreue mich am Beobachten.
Auch als später der Rücken eines Wals neben unserem Boot auftaucht und eine Fontäne Wasser ausstößt, bleibt die Kamera beiseite. Manche Momente muss man einfach so genießen, ohne sie durch ein Display zu erleben.

Nach der Bootstour mit Antonio fallen wir, zurück in Ponta Delgada, hungrig ins Rotas ein. Sowohl Margarida, als auch Eduardo hatten uns das Restaurant empfohlen, als sie hörten, dass ich Vegetarierin bin. Hier essen wir alles was das Tagesmenü hergibt. Und zum Dessert gibt’s noch ein großes Stück Berry Cheesecake. Somit ist der Hunger bis zum Abend gestillt. Den verbringen wir wieder in unserer zauberhaften Unterkunft bei einem obligatorischen Glas Wein und der Ananas die wir auf dem Heimweg bei einem Bauern gekauft haben. Wohlgemerkt der besten Ananas meines Lebens. Man schmeckt einfach, dass die Frucht keinen langen Transportweg hinter sich hat, sondern gleich hier auf den Azoren geerntet wurde.

Und bei den letzten Schlücken Rotwein schmieden wir neue Pläne für die nächsten Tage und erfreuen uns, dass noch ein großes Stück unserer Reise vor uns liegt. Natürlich darf Sete Cidades nicht fehlen, Caldeira Velha steht ebenfalls weit oben auf unserer Liste und dann wollen wir ganz unbedingt noch einmal an den traumhaft schönen Lagoa do Fogo, der mich schon vor ein paar Tagen begeistert hat. Das dieser Enthusiasmus nochmals um ein vielfaches gesteigert wird, davon habe ich in diesem Moment aber noch keinen blassen Schimmer.

 

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*Die Nächte im Hotel Solar de Lalém und in Quinta das Rosas wurden uns kostenlos zur Verfügung gestellt. Die geschilderten Erlebnisse und Erfahrungen bleiben davon unberührt. Vielen Dank an Gabriele und Gerd Hochleitner und an Eduardo für den wundervollen Aufenthalt!

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