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Into the wild

Schottland

Noch in Deutschland waren Frithjof und ich uns ziemlich schnell einig, dass wir nicht den populärsten Wanderweg, den „West Highland Way“ bestreiten wollten. Nein, es sollte noch ein wenig wilder und einsamer sein. Der „Cape Wrath Trail“ schien geradezu perfekt. Mit seinen insgesamt 378 Kilometern war dieser Steig mit einigen Flussüberquerungen und unmarkierten Pfaden für die 14 Tage, die wir uns Zeit nehmen wollten, unmöglich zu schaffen. Also beschlossen wir, die ersten zwei Drittel des Trails auszulassen und erst in dem kleinen Küstenort Ullapool zu starten. Immerhin knapp 150 Kilometer müssten wir in der Zeit zurücklegen – inklusive strapaziöser Höhenmeter. Das Ende unseres Abenteuers und die ultimative Belohnung sollten zwei entspannte Tage im malerischen Sandwood Bay sein.

Uns so machten wir uns, nach einem aufwärmenden Tee und einem letzten Toilettengang mit Kloschüssel, samt Wanderstöcken, Kameraequipment und gut 11 Kilogramm Lebensmitteln in den Rucksäcken, bei strahlendem Sonnenschein, auf den Weg Richtung Norden.

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Nach nur wenigen hundert Metern begegneten uns die ersten Schafe – und zu meiner Freude grasten auf den Weiden, neben den meist wütend blökenden Muttertieren, frisch geborene Lämmer. Die ersten Kilometer fuhr noch der ein oder andere Schotte in seinem Jeep an uns vorbei und winkte freundlich. Doch mit jedem Schritt wurde die Gegend abgeschiedener. Mit dem Anbrechen der Abenddämmerung, suchten wir einen Platz, um unser Zelt aufzubauen. Am Loch Achall schien für uns das perfekte Fleckchen zu sein. Einzige Erschwernis: Um den gesamten See hatte sich eine Schafherde breit gemacht, die sich von uns zwar nicht gestört zu fühlen schien, jedoch alle paar Meter ihren Kot verteilt hatte.

Aber nach ein bisschen suchen, fanden wir einen kleinen sauberen Platz nur ein paar Meter vom Wasser entfernt. Nachdem wir unser Nachtlager hergerichtet hatten gönnten wir uns die erste warme Mahlzeit mit dem Gaskocher – und als Dessert eine heiße Tasse Schokolade. Ja, was das Essen und die Snacks anging, waren wir ganz schön de luxe unterwegs. Bei anderen Wanderern die wir trafen gab es morgens gerade mal ein mickriges Müsliriegel. Wir hingegen starteten mit einem nahrhaften Müsli mit getrockneten Früchten und warmer (Pulver-)Milch in den Tag.

Am nächsten Morgen, dann der unbeschreibliche Blick aufs Loch, als wir aus unserm Zelt krabbelten. Da vergaßen wir auch schnell die Kälte, die uns in der Nacht heimsuchte und recht früh wach werden ließ – und eine dünne Eissicht über unser Zelt gelegt hatte.

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Nach dem ersten Tag beschloss ich es aufzugeben. Es war vergebens. Aufgrund der eisigen Temperaturen bildete sich alle paar Minuten dieser kleine, widerspenstige Tropfen unter meiner Nasenspitze. Am ersten Tag unserer Wanderung wischte ich ihn noch eifrig weg. Meist musste mein Jackenärmel herhalten. Taschentücher hatten wir nur sparsam eingepackt – unnötiger Luxus während einer Wandertour. Nachdem ich mich so langsam mit ihm abgefunden und wir uns mehr oder weniger aneinander gewöhnt hatten, wartete ich einfach bis er irgendwann von selbst ab fiel oder schaute aus den Augenwinkeln zu, wie er durch einen starken Windstoß an meiner Wange vorbei flog. Ja, Rotzfäden an der Nase. Das ist eins der Dinge, die einen Wanderer auf Schottlandtour beschäftigt.

Ich lernte den Störenfried erfolgreich zu ignorieren und so konnte ich mich wieder auf das Wesentliche konzentrieren: Meinen Gedanken einfach mal freien Lauf zu lassen – ohne Ablenkungen durch das Handy oder E-Mails. Und nach den ersten Tagen realisierte ich, wie wenig wir tatsächlich brauchen um zufrieden zu sein. Drei wohlschmeckende Mahlzeiten am Tag, einen warmen Schlafplatz, ein Ziel vor Augen und den geliebten Menschen, der mal vor, mal hinter und dann wieder neben dir geht. Mehr braucht es gar nicht.

Auf einfachen 4×4 Tracks ging es weiter Richtung Oykel Bridge. Im Knockdamph bothy legten wir eine kurze Mittagspause ein und wärmten uns mit einer Nudelsuppe auf. Bothies sind kleine, leerstehende Häuser, oft mit mehreren Zimmern und Kamin ausgestattet, in denen Wanderer rasten und schlafen können. Übernachten wollten wir hier aber nicht. Unser Ziel für den Tag, war das nur sieben Kilometer entfernte Schoolhouse Bothy.
Doch bevor wir unsere Unterkunft für die nächste Nacht erreichten, galt es die erste Flussüberquerung zu meistern. Schuhe und Socken ausgezogen, schafften wir es über die rutschigen Steine ohne in das eiskalte Wasser hinein zu plumpsen, auf die andere Flussseite. Zur Belohnung wartete schon das Bothy mit einem hungrigen Franzosen auf uns, mit dem wir das Zimmer teilten. Frithof gab ihm etwas von seinem getrockneten Schinken und so schlief er schnell und friedlich schnarchend ein. Dies war übrigens der Tag an dem wir um ein Haar Milena und Dominique begegnet wären. Doch dazu später mehr. Die Namen solltet ihr euch aber merken.

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Der Winter hatte sich dieses Jahr bis weit in den April hinein gezogen, was wir von einigen Schotten erfuhren. Ein Grund, warum die Landschaft im Mai noch recht karg und nicht so saftig grün war – und die Temperaturen nur knapp über Null lagen. Aber unser Trip nach Schottland sollte ja auch kein Sonntagsausflug werden. Und wir waren für so ziemlich jede Eventualität gewappnet. Sogar Rettungsdecken hatte uns Frithjofs Bruder, der als Rettungsassistent arbeitet, inkl Erste-Hilfe-Kit, mitgegeben.

Und so gingen wir weiter unseres Weges. Und die schneebedeckten Berge am Horizont kamen immer näher und näher …

5 Kommentare

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  2. Hallo Sarah,
    ein schöner Bericht! Ich würde auch wahnsinnig gerne mal so eine Tour machen – das klingt wirklich gut.
    Und danke dir für die Ehrlichkeit mit dem Rotzfaden. Ich musste so schmunzeln. Jeder kennt es, keiner redet darüber. 😉

    Lieben Gruß
    Elisa

    • Sarah

      Hallo Elisa,

      ich hab eine Weile überlegt, ob ich den Teil nicht doch besser rauslassen soll. Ein bisschen eklig ist es ja schon. 😀 Schön, dass es dir positiv aufgefallen ist.

      Lieben Gruß,
      Sarah

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